FRIAS-Projekt von Dr. Balázs J. Nemes im akademischen Jahr 2019/20: „Die theologia mystica als ‚Expertenliteratur'“

Mit dem Projekt „Die theologia mystica als ‚Expertenliteratur‘. Die experti und ihre Schriften in der Lektüre- und Kompilationspraxis des Erfurter Kartäusers frater N.“ tritt Dr. Balázs J. Nemes ein Internal Junior Fellowship für die Dauer eines akademischen Jahres (Oktober 2019 bis Juli 2020) im FRIAS an.

Abstract (dt./engl.)

Was ist Mystik? Cognitio Dei experimentalis, eine auf Erfahrung gegründete Erkenntnis Gottes, lautet die Antwort in den gängigen Lexika. Wie in der mittelalterlichen Diskussion um die Gewichtung von Erfahrung und Erkenntnis in der Gottesschau, welche das Ziel der sog. mystischen Theologie (theologia mystica) bildet, geht es auch in der heutigen interdisziplinären Debatte um den Mystikbegriff darum, wie man das Verhältnis zwischen Erfahrung und Reflexion über die Erfahrung definiert. Umso interessanter ist das Urteil, das ein als Bruder N. (frater N.) bekannter Erfurter Kartäuser in den 1480er Jahren über Johannes Gerson (†1429), einen der führenden Theologen des 15. Jahrhunderts fällt: Für ihn ist Gerson unerfahren (inexpertus) in Bezug auf die mystische Theologie. Dies wird mit Stil und Inhalt der von Gerson verfassten Schriften über die theologia mystica begründet, sprächen sie doch dafür, dass Gerson das, worüber er schreibt, nicht aus persönlicher Erfahrung kenne. Im Gegenzug werden ihm lateinische und (!) deutsche Werke vorgehalten, deren Verfasser Bruder N. als Erfahrene (experti) in der Gottesschau ausweist. In meinem Projekt will ich nicht nur relevantes Textmaterial editorisch erschließen, sondern es soll auch nach Semantik, Stellenwert und Funktion von Erfahrung in den auf die ‚Expertenliteratur‘ bezogenen Schriften von Bruder N. gefragt und ein am exemplarischen Einzelfall orientierter Beitrag zur Historisierung des Mystikbegriffes geboten werden.

What is mysticism? The standard dictionary definition is cognitio Dei experimentalis: the cognition of God grounded in personal experience. Just as in the medieval discussion concerning the weighting of experience and cognition in the vision of God – the goal of so-called mystical theology (theologia mystica) – so too the modern-day, interdisciplinary debate around the concept of mysticism concerns the definition of that relationship between direct experience and subsequent reflection upon it. The judgement reached by an Erfurt Carthusian known as Brother N. (frater N.) in the 1480s upon Jean Gerson (d. 1429), one of the leading theologians of the fifteenth century, is thus all the more interesting: for him Gerson was unqualified (inexpertus) with regard to mystical theology. That judgement is supported with evidence drawn from the style and content of Gerson’s writings on theologia mystica, marshalled to allege that Gerson had no knowledge from personal experience of what he wrote. He reproached Gerson by drawing upon Latin and German (!) works whose authors Brother N. claimed were experienced (experti) in the vision of God. In my project I want not just to edit the relevant textual material, but also to investigate the semantics, the status, and the function of experience in Brother N.’s works regarding the ‘expert literature’, and to provide a contribution to the historicization of the concept of mysticism centered around an illustrative case-study.

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