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Über dieses Projekt

Wie lautet unsere zentrale Forschungsfrage?

Der spätmittelalterliche Bibliothekskatalog der Erfurter Kartause bietet die einmalige Gelegenheit, anhand historisch bezeugter Bücherbestände der Frage nachzugehen, wie sich ‚Mystik‘ als Ordnungsprinzip einer Bibliothek entwickelt hat und wie die Anfänge der (literatur)historiographischen Kategorienbildung ‚mystisch‘ aussehen. Wir möchten mit den Bibliothekaren der Erfurter Kartause in Dialog treten und ihnen, vereinfacht formuliert, die Frage stellen: „Was ist Mystik?“, „Welche Bücher gehören zur Mystik?“ Die Antwort lässt sich im Katalog finden: insbesondere in den Signaturengruppen D, E, F, DF und I.

Was macht den Katalog so besonders?

Das Bistumsarchiv Erfurt beherbergt mit Hs. Hist. 6 einen der umfangreichsten und literaturhistorisch bedeutendsten Bibliothekskataloge des Spätmittelalters. Der Katalog wurde ab 1475 von Jakob Volradi und einem als frater N bekannten Mitbruder angelegt, eingeleitet sowie kommentiert und von verschiedenen Schreibern bis in die 1520er Jahre weitergeführt.

Der Katalog ist aus zwei weiteren Gründen besonders. Zum einen vermittelt er ein Lebensideal, das über die Wege einer lektüregesteuerten geistlichen Vervollkommnung zur unio mystica und damit zu den Geheimnissen der theologia mystica führt. Zum anderen umfasst er neben traditionellem lateinischem Schrifttum auch deutsche Texte, die der mystischen Theologie zugeordnet werden. Dies macht ihn im deutschen Sprachraum zum Unikat und zum idealen Fallbeispiel, um den spätmittelalterlichen Wurzeln des modernen Konzeptes ‚Mystik‘ nachzuspüren.

Wie ist der Katalog strukturiert?

Um das Programm des Katalogs zu verdeutlichen, bedient sich der Bibliothekar, Jakob Volradi, der Metaphorik eines geistlichen Gebäudes (domus spiritualis), wobei er einzelnen Teilen des Gebäudes bestimmte Signaturengruppen zuordnet. Für das Forschungsprojekt entscheidend ist das Dach (tectum, pars suprema mentalis edificii), das für den anagogischen Weg steht und die Signaturengruppen D, E, F (und die Zwischengruppe DF mit Additionen) umfasst.

Innerhalb der geistlichen Dachkonstruktion wird zwischen einer Spitze, in der alles zusammenläuft, und den beiden großen Seiten des Dachs unterschieden. Den drei Dachteilen werden eine prima, secunda und tertia via anagogica zugeordnet. Die zwei Dachseiten stehen für die secunda und tertia via und werden aus den Signaturengruppen E und F gebildet, die zudem jeweils mit den Seelenvermögen intellectus und affectus verknüpft werden. Die Dachspitze bezeichnet die Signaturengruppe D, wobei diese auch mit dem apex mentis und der synderesis gleichgesetzt wird. Das Dach des domus spiritualis, repräsentiert durch den menschlichen Geist, und der spirituelle Weg, der mithilfe der Bücher in der Erfurter Kartause beschritten werden kann, kulminieren somit in der Signaturengruppe D, der prima via anagogica, die mit einer eigenen Bezeichnung bedacht wird: Sie heißt via mystica.

Bemerkenswerterweise werden die deutschen und lateinischen Texte der mystischen Theologie in den Signaturengruppen D, E, F und DF von der Offenbarungsliteratur, darunter auch die deutschen und lateinischen Werke der sog. ‚Frauenmystik‘, unterschieden: Für letztere ist die Signaturengruppe I (exempla und revelationes) reserviert. Die Bildung einer eigenen Signaturengruppe von ‚mystischen‘ Texten sowie die Ausgliederung dessen, was heute als ‚frauenmystisch‘ gilt und als Teil der sog. ‚mystischen Literatur‘ behandelt wird, lassen erneut die Frage nach dem spätmittelalterlichen Verständnis mystischer Literatur aufkommen.

Welche Ziele möchten wir erreichen?

Unser Hauptziel ist eine umfangreiche Präsentation des Kataloges auf dem eigens dafür zu entwickelnden Portal „Making Mysticism“. Hierbei wird der Katalog der Kartäuserbibliothek, die als Text- und Deutungsraum begriffen wird, aus einer interdisziplinären Perspektive untersucht und die Signaturengruppen D und I digital rekonstruiert. Das Portal ermöglicht dem Benutzer individualisierte Zugänge zur Wissensordnung der Kartäuserbibliothek in Erfurt. Hierfür wird eine auf mehreren Informations- und Darstellungsebenen wirksame genetische Edition und virtuelle Rekonstruktion der projektrelevanten Katalogteile und ihrer Ordnungskategorien erzeugt.

Konkret umfasst das Projekt folgende Meilensteine:

  1. Die Handschrift des Erfurter Bibliothekskatalogs
    • eine digitale Präsentation von Hs. Hist. 6 des Bistumsarchivs Erfurt mit dem für das Projekt relevanten Standortkatalog;
    • eine vertiefende Beschreibung der Handschrift, besonders des Katalogs.
  2. Die projektrelevanten Signaturengruppen
    • die Analyse des Bücherbestandes in den Signaturengruppen D, DF, E, F und I sowie die Erschließung der Katalogisierungspraxis der Bibliothekare;
    • eine genetische Edition der Signaturengruppen D, DF, E, F und I mitsamt den Einleitungen und der Identifizierung der aufgelisteten Autoren und Werke sowie die Identifizierung der noch erhaltenen Handschriften.
  3. Das Portal „Making Mysticism“
    • eine virtuelle Rekonstruktion der projektrelevanten Signaturengruppen auf dem zu entwickelnden Portal „Making Mysticism“ mit einer fachspezifischen, webbasierten kollaborativen Arbeitsumgebung;
    • verschiedene Materialien wie beispielsweise die Edition des Kataloges von P. Lehmann (1928) und des Prohemium longum zum Katalog von A. Märker (2008).
  4. Historisierung des Mystikbegriffes
    • die ideengeschichtliche Untersuchung des Mystikbegriffs im Erfurter Bibliothekskatalog auf der Basis literaturwissenschaftlicher, bibliotheks- und philosophiegeschichtlicher Forschung.
  5. Vortragsreihe und Tagung
    • Vorträge und Textlektüren mit externen ReferentInnen, die aus ihrer Forschungsperspektive die interdisziplinäre mediävistische Forschung und den Fachbereich Digital Humanities in unserem Projekt unterstützen;
    • eine abschließende Tagung, die aufgrund der Forschungsergebnisse und des Portals „Making Mysticism“ das Profil der Erfurter Kartäuserbibliothek, ihres Katalogs und ihrer Wissensordnungen im Kontext der europäischen kartäusischen Klosterkultur des Spätmittelalters thematisiert und darüber hinaus den Arbeitsbereich ‚Historische Sammlungen / Digital Humanities‘ bedient.

Wie möchten wir unsere Ziele umsetzen?

Das skizzierte Forschungsprogramm lässt sich nur durch die Kooperation zwischen dem Deutschen Seminar (Germanistische Mediävistik) und der Universitätsbibliothek Freiburg (E-Science, Digitalisierungszentrum) realisieren, wobei die Methoden der Digital Humanities mit einer interdisziplinär ausgerichteten mediävistischen Forschung verknüpft werden. Die zu leistende digitale Aufbereitung der mediävistischen Forschungsergebnisse auf einem eigenen Projektportal ermöglicht, einerseits die Genese einer Bibliothek mit ‚mystischen Büchern‘ nachzuzeichnen, andererseits den Prozess des ‚Making Mysticism‘ durch die Bibliothekare auf den verschiedenen Ebenen der als Text- und Deutungsraum begriffenen Bibliothek zu entschlüsseln.

Im Moment ist das Portal noch im Aufbau. Bald jedoch wird das Projektportal es Ihnen erlauben, den Erfurter Bibliothekaren bei der Katalogisierungsarbeit über die Schultern zu schauen und den ursprünglichen Zustand des Katalogs, seine Weiterentwicklung sowie die von den Bibliothekaren konsultierten Handschriften zu studieren.